Gerontopsychotherapie

Psychotherapie älterer Menschen – Gerontopsychotherapie

Etwa 25 Prozent der über 65-Jährigen leiden unter psychischen Störungen, jedoch suchen sie nur selten einen niedergelassenen Psychotherapeuten auf.

Ältere Menschen galten bis in die 80er-Jahre hinein als kaum therapierbar. Vater dieses Gedankens war Sigmund Freud, der 1903 die Analysierbarkeit älterer Patienten bezweifelte. Er ging davon aus, dass Menschen mit zunehmendem Alter geistig rigider würden, was Veränderungen erschwere. Außerdem befürchtete er, dass eine Psychoanalyse mit Älteren sehr viel Zeit erfordere, weil sehr viele Erfahrungen zu bewältigen seien. Doch schon 1918 räumte Freud ein, dass es Personen gibt, bei denen die psychische Plastizität weit über die gewöhnliche Altersgrenze hinaus bestehen bleibt.

Heute geht man davon aus, dass der Alterungsprozess individuell höchst unterschiedlich verläuft und dass Menschen bis ins hohe Alter entwicklungsfähig bleiben. Man weiß inzwischen, dass die meisten Älteren beträchtliche mentale Reserven besitzen, die durch Übungen und Lernen aktiviert werden können.
Zu den Ressourcen älterer Menschen zählen ein großer Erfahrungsschatz, Reife, Weisheit, die Fähigkeit zur Wohlbefindensregulation und effektive Bewältigungsstile.

Als Defizite sind Verlust Erfahrungen, Fähigkeitseinschränkungen und Einsamkeit zu erwähnen.
Der körperliche Zustand älterer Menschen kann stark variieren; mit zunehmendem Alter häufen sich jedoch Funktionsstörungen und chronische Erkrankungen. Sie bedingen oft Schmerzen und erfordern die Einnahme ein oder mehrerer Medikamente mit entsprechenden Nebenwirkungen. Die Zahl der sozialen Kontakte nimmt ab. Die Lebensumstände variieren von ökonomischer Versorgtheit bis hin zur Altersarmut. Familiäre Einbindung und Pflege werden immer seltener. Viele Ältere leben daher allein und autonom. Zunehmende Pflegebedürftigkeit und Verlust der Alltagskompetenz erfordern zunächst eine ambulante Betreuung, später auch den Umzug in ein Altenheim und Intensivpflege.

Die häufigsten psychischen Störungen bei über 65-Jährigen sind die demenziellen und depressiven Syndrome. Ewa fünf bis zehn Prozent der Älteren weisen eine Major Depression auf. Darüber hinaus sind Angststörungen, Schlafprobleme und Substanzmissbrauch verbreitet. Die Suizidrate Älterer ist fast doppelt so hoch wie in jüngeren Altersgruppen. Aufgrund repräsentativer Studien ist davon auszugehen, dass etwa 25 Prozent der über 65-Jährigen unter einer oder mehreren psychischen Störungen leiden.

Die psychotherapeutische Behandlung älterer Menschen erfordert nach Meinung von Experten keine völlig neuen, sondern Modifikationen bewährter Verfahren. Die Psychotherapie mit Älteren bringt jedoch einige Besonderheiten mit sich. Im Allgemeinen sollte individuell und ressourcenorientiert vorgegangen werden, wobei besonders die Fähigkeiten der Patienten berücksichtigt werden müssen. Beispielsweise erfordert die reduzierte Seh- und Hörfähigkeit älterer Patienten ein langsames und klares Sprechen. Ältere Patienten benötigen darüber hinaus Gedächtnisstützen. Psychotherapeuten sollten Anweisungen häufiger wiederholen, die Patienten Notizen anfertigen lassen und Handzettel verteilen. Wichtige Inhalte sind in kleineren Sinneinheiten und in verschiedenen sensorischen Modalitäten zu präsentieren. Die Tendenz, vom Thema abzuschweifen und „ins Erzählen zu kommen“, sollte durch Fokussieren auf bedeutsame Punkte und durch klare Strukturierung des therapeutischen Gesprächs begrenzt werden. Auch das soziale Umfeld und die Psychodynamik der Familie, in der ein Patient lebt, muss in der Psychotherapie mit Älteren berücksichtigt werden.

Ältere Menschen zu therapieren stellt Psychotherapeuten vor besondere Herausforderungen. Lebensumstände und Mobilität der Patienten können eine Verlegung des Settings ins Seniorenheim oder ins Krankenhaus erforderlich machen. Darüber hinaus sind gute Kenntnisse über lebensgeschichtliche Zusammenhänge, Bildung, Erziehung und Werte verschiedener Alterskohorten sowie ein fundiertes Wissen über körperliche Erkrankungen im Alter und deren Behandlungsstandards hilfreich. Psychotherapeuten sollten sich auf eine enge Zusammenarbeit mit behandelnden Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen einstellen und medizinische Behandlungen, wie etwa Schmerztherapien, in ihr Therapiekonzept einbinden.
Auch eine Auseinandersetzung des Therapeuten mit seinen persönlichen Vorstellungen von Alter, Tod und Sterben, mit eigenen Ängsten und Abwehrreaktionen sowie mit der begrenzten Lebenszeit dieser Klientel ist sehr wichtig. Psychotherapeuten, die in diesem Bereich tätig werden wollen, haben sich zum Teil auf neue Methoden, Themen und Therapieziele einzustellen. Zu den Methoden zählen etwa die Lebensrückblickinterventionen, die unter anderem das Wohlbefinden und die Sinnfindung durch kognitive Vergleichsprozesse fördern.

Als Themen, die in der Psychotherapie oder im Beratungsgespräch behandelt werden, kommen zum Beispiel Umgang mit chronischen Krankheiten, Schmerzen und Behinderungen, Übergang ins Seniorenheim, Vorbereitung auf den Tod, Trauer um Verstorbene und Überlebensschuld, Rollenwechsel und Verlust sozialer Rollen, Abhängigkeit und Autonomie, Kompetenz und Kontrolle, Einsamkeit, Isolation, Hoffnungslosigkeit, Zukunftsängste, Sinnverlust sowie Konflikte mit Angehörigen infrage.

Zu den Zielen der Psychotherapie mit Älteren zählen unter anderem Vergangenheitsbewältigung, Wiederherstellung des Selbstwertgefühls, Bewältigung körperlicher Belastungen und seelischer Krisen, Symptomreduktion, Erwerb neuer Fertigkeiten und Coping Strategien, Bearbeitung individueller Konflikte, Ängste, Probleme, Anpassung an Rolle und Situation des Alternden, Trauerarbeit, Sinn- und Selbstfindung, Bewusstheit und Wachstum, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit, allgemeine Aktivierung, Erhalt der Liebes- und Genussfähigkeit sowie bessere Lebensqualität und -bewältigung.

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